Als ich in meinen Teenagerjahren war,
entwickelte ich eine Vorliebe für Tassen. Ich sammelte und sammelte.
Ich hatte Plymouth Argyle und Nottingham Forest, ich trank aus den
Mugs der Blues und der Spurs, die Gunners waren doppelt und auch für
Manchester United hatte ich eine Vorliebe entwickelt. Nur in
Deutschland gab es naturgemäß nur einen Verein. Es war der
Ballspielverein. Irgendwann noch unter Köppel stand dann meine erste
und bis heute einzige Tasse im Regal. Der letzte verzeichnete
Titelgewinn war der Supercup 1989. Errungen in einem harten Match
gegen die Bayern.
4:3 hieß es damals nach 90 Minuten.
Die Torschützen ließen mich noch heute mit der Zunge schnalzen. Auf
Seite der Bayern hatten McInally, Grahammer und Mihajlovic getroffen,
doch ein Doppelpack von Günter Breitzke und je ein Treffer von
Rückkehrer Jürgen „Kobra“ Wegmann und dem aufstrebenden
Jungnationalspieler Andi Möller langten zum großen Triumph.
Zumindest war es das für mich zum damaligen Zeitpunkt. Sogar der
unglückliche Rolf Meyer, der 1986 ohne ein einziges Spiel seinen
Stammplatz an Teddy deBeer verloren hatte, durfte aber der 76. Minute
mitmischen. Er blieb ohne Gegentor. Zwar konnte der BVB unter Köppel
nicht mehr an den Wendesommer anschließen, aber immerhin durfte er
sich jetzt Supercup-Sieger 1989 nennen und das auf Briefköpfe und
Tassen drucken. Niemand hatte damals erahnen können, dass dieser
Titel schon wenige Jahre zur Randnotiz der Vereingeschichte werden
würde.
Die Tasse war 1989 ein
Weihnachtsgeschenk meiner Eltern. Jahrelang stand sie im Schrank, zu
ihr gesellten sich die Meistergläser der Dortmunder Brauereien. Wenn
ich auch aus den Meistergläsern trank, so blieb die Tasse
weitestgehend ungenutzt. Damals war mein Alkoholismus noch nicht weit
vorangeschritten, aber ich hatte genug Tassen. Von Umzug zu Umzug,
und ich zog oft um, wurden es weniger Tassen. Mal verschenkte ich
eine an einen Postboten, mal verschwanden sie im Umzugschaos. Die
BVB-Tasse blieb immer an meiner Seite. Nachdem Redermann mich aus der
Nordstadt vertrieben hatte, war sie mein Rettungsanker. Nur noch
selten hatte ich in den letzten Monaten Gelegenheit gehabt, in die
Westfalenmetropole zu reisen. Mit mir ging es, auch wenn ich es nicht
wahrhaben wollte, bergab. Meine Existenz war zum Scheitern
verurteilt. Doch wenn ich mich morgens an meiner Tasse festhielt, den
Kaffee trank und in Gedanken schon einmal den Spieltag durchging, war
meine Welt für einen kleinen Moment in Ordnung. Ich hatte sie
bereits in Dortmund immer mal wieder genutzt, doch so richtig kam sie
erst im Soldiner Kiez zum Einsatz.
Ich trank aus der Tasse und Borussia
marschierte von Sieg zu Sieg. Und wenn auch manchmal ein
Unentschieden dabei war, so zeichnete in meiner Realität die Tasse
für den langen Weg an die Tabellenspitze verantwortlich. Doch an
diesem Wochenende setzte mal wieder der Nebel ein. Ich zog mich
zurück. Ich war noch geschockt von Patsches Einlage und auch von
seinen mahnenden Worten. Als ich Sonntags in der Küche stand,
zitterten meine Hände. Mit letzter Kraft goss ich den Kaffee in die
Tasse. Es war Spieltag. Sonntagsspieltag dazu. Ich brauchte meinen
Kaffee, um wenigstens für einen Moment ein paar Lichtstrahlen zu
sehen. Ich setzte an und trank. Meine Hände zitterten. Beim Versuch
die Tasse auf den Tisch zu stellen, rutschte ich langsam ab. Die
Tasse stand nun auf der Kante und bevor ich etwas tun konnte,
rutschte sie ganz langsam und wie in Zeitlupe ab. Sie war in der Luft
und anstatt eines Rettungsversuchs schlug ich die Hände über den
Kopf zusammen, schloß meine Augen und vernahm das Splittern.
Es war ein glatter Bruch, doch die
Tasse war hinüber. Nach 16 ungeschlagenen Spielen in Folge, nach
über 22 Jahren in meinem Besitz. Klar, die Tasse ließ sich kleben
und das würde ich auch tun, doch sie war hinüber. Ich konnte sie
mir vielleicht noch in den Schrank stellen, meinen Spieltagskaffee
würde ich in Zukunft aber aus anderen Tassen trinken müssen. Die
Mannschaft würde ihre Spiele ohne den Glücksbringer gewinnen
müssen. An diesem Sonntag verschwand meine Zuversicht.
Ohne große Zuversicht ließ ich mich
in der Kreuzberger Kneipe nieder, sah die Bayern gegen die Blauen
gewinnen und verpasste den Anstoß der Borussia, da die Wirtin des
Ladens es sich auf dem Pott bequem gemacht hatte. Das Spiel in der
Kneipe begann mit einem blutenden Bender, doch endete es nach
fantastischen 90 Minuten mit einem 3-1 über Hannover. Weiter! In
meiner internen Europapokalrechung waren wir bislang nur gegen Hertha
ausgeschieden. Ausgerechnet Hertha! Die mit Rehhagel in Richtung
Abgrund tanzten. War aber auch egal. Wir waren auch dort nur aufgrund
der überschätzten Auswärtstorregelung raus. Gottseidank nicht in
Italien! Dort wäre das tatsächlich von Interesse. Hier nicht. Und
Hannover hatten wir im direkten Vergleich durch den
Last-Minute-Treffer von Perisic mit 4-3 besiegt. Top! Der Nebel hatte
sich auch in einem der Torjubel aufgelöst, es ging bergauf, wenn
auch nicht mit mir, so immerhin mit der Borussia.
Was doch auch geil war, sagte ich mir,
machte mich auf den Weg zurück, setzte mich an den Schreibtisch,
dachte für einen Moment mal nicht an die Tasse und kommentierte,
weil ich kommentieren musste
Die Herausforderer
(berlin/27.02.2012) Sie sehen sich immer noch als die Herausforderer und sind doch längst der große Favorit auf den Titel! Es darf nicht enden, sagen die Fans auf der Tribüne. Die Mannschaft hält sich dran. Kein Gedanke mehr an die großen Abgesänge im September. Die Borussia aus Dortmund wurde vom schlechtesten Titelverteidiger aller Zeiten zum besten Titelverteidiger aller Zeiten. Zumindest jetzt. Doch noch gibt es 33 Punkte und 11 Spiele. Für die 11 Freunde auf dem Platz eine große Herausforderung.
Jeder Gegner ist der schwerste Gegner: Wenn Klopps Sprüche von der brutalen Qualität der Gegner sich auch wiederholen, sie sind wahr. Jeder Gegner hat seine Qualität, doch momentan der der Borussia nichts entgegenzusetzen. Borussia-Fans lehnt Euch zurück! Genießt die schönste Zeit in Eurem Leben. Erst hat der BVB die Romantik zurück in den Fußball gebracht. Jetzt ist es der Glaube! Der Glaube daran, dass Mannschaften nach großen Triumphen nicht auseinanderbrechen oder am Egoismus zugrunde gehen. Danke, Borussia! Jetzt holt Euch den Titel! (dembowski / DerSamstag!)
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