Freitag, 2. März 2012

wenn die wut nicht wäre - der verfrühte start der meisterirrsinnswochen

Dembowski gegen den Rest der Welt, immerhin hatte ich jetzt eine Schlagzeile für die letzten Wochen. Änderte aber nichts. Sie waren Mist. Ich verharrte in einem seltsamen Mix aus Stillstand und Unfähigkeit. Ich zählte die Toten und die Punkte gleichermaßen, ich trug volle Flaschen in die Wohnung und leere Flaschen aus der Wohnung, ich sah die Menschen auf den Straßen und entfremdete mich zusehends. Von Tag zu Tag verflachten meine Gedanken verflachten. Ich schlitterte sehend in eine neue Krise.

Es gab eigentlich nur eine Abwechslung für mich. Wenn auch nur aus Zeitvertreibsgründen, legte ich in den vergangenen Tagen wert auf meinen Spaziergang ins bürgerliche Pankow. Dort ließ ich mich dann auf einer der Bänke nieder und beobachtete Hunde und ihre Besitzer. Liefen sie frei herum, informierte ich erst den Besitzer und dann das Ordnungsamt. Die verständliche Wut der bestraften Besitzer heiterte mich wenigstens für einen kurzen Moment auf. Ein Silberstreifen am wolkenverhangenen Berliner Himmel. Aber wollte ich wirklich als Dembowski, der denunzierende und depressive Ermittler in die Geschichtsbücher eingehen? Es war an der Zeit, die Dinge zu ändern.

Motionless, wearing strange things. Alles hatte eine Ende. Aber immerhin wehrte ich mich jetzt mal wieder. Der Weg in den Himmel beginnt irgendwann. Beschreiten wir ihn, sehen wir es meist zu spät. Und ob der Himmel nicht die Hölle ist, finden wir auf dieser Seite des Lebens nicht heraus. Ein bitterer Geschmack legte sich auf meine Zunge. Das musste das Bier sein. Ich nahm noch einen Schluck und wechselte die Seite. In den letzten paar Stunden hatte der Stumpfsinn mich mal wieder regiert, doch Chokebore waren scheinbar eine gute Wahl gegen die Regentschaft des Stumpfsinns. Ganz langsam zogen sie mich heraus. Taucher auf Patrouille. 1995 auf AmRep. 2010 ein müdes Abziehbild ihrer großen Tage. Sie kommen immer zurück. Want to see a storm? Nahe dran, jetzt.

Ganz langsam kochte die Wut in mir hoch. Sie war mir bislang stets ein guter Begleiter gewesen und mit ihrem Verschwinden hatte in den letzten Wochen mein Verfall begonnen. Erst verlor ich die Wut, dann verlor ich den Antrieb. Jetzt war sie wieder da. Der Sturm hatte sich zum Glück nicht gelegt. Die Milde des einkehrenden Frühlings war der Gewissheit des nächsten Herbsts gewichen. Doch davor hatte der Spielplan die nächsten 11 Bundesligaspiele und hoffentlich noch 2 Pokalspiele gestellt. Ich komme immer zurück, dachte ich, doch anders als Chokebore und Konsorten habe ich mir die Wut bewahrt. Würdevolle Wut. Mein Antrieb.

Auch wenn Reiser mich nicht mehr provozieren konnte, auch wenn die Tage der Meisterschalmafia noch nicht angebrochen waren, so kehrte langsam auch wieder ein Teil des Meisterirrsinns zurück. Es war nur noch eine Frage der Zeit, bis sie wieder ihre großen Lieder herausholen würden. Es war nur noch eine Frage der Zeit, bis sie sich wieder ihre Lieblingstrainer als Tattoo stechen lassen würden. Wer den Schaden hat, muss auch für den Spott sorgen. Dass die Saison auf die Zielgerade einbog, erkannte ich vor allen Dingen auch in den zahlreichen Anfragen. Mal sollte ich für ein Buch über die Dortmunder Helden ein Grußwort an die Leser richten, mal wollten sie mich als Moderator für ihre Meisterfeiern verpflichten, mal sollte ich auf der Tagung der kriminalistischen BVB-Fans reden. Es gab Veranstaltungen, die man sich nicht hätte ausdenken können.

Doch ich schickte meinen Rider und vermerkte „haltet still! Noch ist nichts gewonnen. Überhaupt nichts.“ Dann kamen sie mir mit der Planungssicherheit und den Optionen, die sie sich jetzt schon einmal offen halten wollten. Keine Frage, sie hatten alle einen an der Klatsche. Jetzt stand erst einmal das Spiel gegen Mainz an und noch nie hatte die Borussia acht Spiele in Folge gewinnen können. Die Chancen standen nicht schlecht, doch man musste sich nur an die letzte Saison erinnern. An das erstaunliche 1-1 in der letzten Minute. Man musste sich nur an das Hinspiel erinnern. Hier war noch nichts gewonnen. Anders als Kapitänchen Lahm aber war es unsere Stärke, sich mit dem Gegner zu beschäftigen. Lahm hatte im kicker mal wieder Phrasen gedroschen. „Wir schauen nur auf uns. Wir beschäftigen uns nicht mit Dortmund“, das sollten sie bei vier Punkten Rückstand auf den amtierenden Deutschen Meister jedoch besser tun. Doch es war nicht an mir, ihm davon zu berichten.

Auf der anderen Seite des Wochenendes würde ein weiteres Stück Gewissheit stehen. Inwiefern diese Gewissheit für den Ausgang der Saison von Relevanz war, würde sich jedoch erst im April zeigen. Doch die Wut war zurückgekehrt und ich guter Dinge. Nicht nur würde der Ballspielverein bis zum Ende der Saison im Titelrennen bleiben, ich würde diesen Weg endlich wieder mit ganzer Kraft beschreiten können. Manchmal war es wichtig, sich von außen zu betrachten.

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